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17.05.2017 - Kinotipp: NOCTURAMA

Im Thriller-Drama „Nocturama“ wird Paris von einer Anschlagswelle heimgesucht, was unweigerlich an die grausamen Terrorakte denken lässt, die die französische Metropole seit 2015 erschütterten. Um eine Nachzeichnung konkreter Taten oder eine Analyse des IS-Schreckens geht es Filmemacher Bertrand Bonello („Saint Laurent“) allerdings nicht. Vielmehr ist er – das bekräftigte er auch in Interviews – daran interessiert, einen allgemeinen Zustand der Anspannung zu illustrieren, der seiner Meinung nach schon 2010 deutlich zu spüren war, als der Regisseur mit seiner Arbeit am Drehbuch begann. Faszinierend und irritierend zugleich ist sein neuer Spielfilm vor allem deshalb, weil er Genre-Gesetzmäßigkeiten bedient, in entscheidenden Momenten aber die Erwartungen drastisch unterläuft.

In den ersten Minuten, die ohne Dialoge auskommen, lernt der Zuschauer mehrere junge Menschen kennen, die in der U-Bahn sitzen, kurze Blicke austauschen, Metro-Stationen wechseln, den Untergrund verlassen, Handys in Mülleimer werfen und schließlich bestimmte Gebäude ansteuern. Immer mal wieder gibt es Zeiteinblendungen. Und irgendwann wird klar, dass die Jugendlichen zusammengehören, einen genau einstudierten Ablaufplan befolgen, der – auch das lässt sich kaum ignorieren – wahrscheinlich nichts Gutes verheißt. Begleitet von pulsierenden Elektroklängen, erwächst aus dem beinahe dokumentarisch eingefangenen Treiben eine handfeste Ungewissheit, die den Betrachter fesselt, bis es an symbolischen Orten der Stadt – etwa dem französischen Innenministerium – zu einer Reihe von verheerenden Explosionen kommt.

Obwohl Bonello in der ersten Hälfte einige Rückblenden einwirft, verweigert er sich, anders als es im Thriller-Genre üblich ist, einer umfassenden Psychologisierung seiner Figuren. Warum die aus unterschiedlichen Schichten und ethnischen Hintergründen stammenden Rebellen zu drastischen Gewaltakten greifen und wann ihre Radikalisierung genau begonnen hat, erfahren wir nicht. Kleine Informationshäppchen deuten auf eine grundsätzliche Ablehnung des Staats- und Wirtschaftsapparates hin. Belastbare Hinweise umschifft „Nocturama“ jedoch konsequent. Eine Entscheidung, die sicherlich diskussionswürdig ist, den sonst mit Erklärungen überschütteten Kinogänger aber auch auf reizvolle Weise herausfordert.

Nach den präzise beobachteten Vorbereitungen und den Detonationen verengt der Film den Blick auf ein Luxuskaufhaus, in dem die Attentäter heimlich Zuflucht suchen. Hier entspinnt sich ein zunehmend surreal anmutendes Kammerspielszenario, mit dem Bonello seine Hauptfiguren als Teil einer orientierungslosen, entfremdeten Jugend zeigt. Einerseits wollen die Heranwachsenden das System um jeden Preis bekämpfen. Andererseits erliegen sie auf ihren Streifzügen durch den Warentempel aber den Verlockungen des Konsums. Im zweiten Teil verliert „Nocturama“ ein Stück seiner Intensität, tritt manchmal zu sehr auf der Stelle und häuft einige Unglaubwürdigkeiten an. Defizite, die allerdings nichts daran ändern, dass man das unkonventionelle, provozierende, nicht leicht zu konsumierende Thriller-Drama auch einige Zeit nach der Sichtung noch mit sich herumträgt.

Frankreich/Deutschland/Belgien 2016, Länge: 130 Min.

Regisseur: Bertrand Bonello

Darsteller: Finnegan Oldfield (David), Laure Valentinelli (Sarah), Hamza Meziani (Yacine), Jamil McCraven (Mika), Manal Issa (Sabrina), Martin Petit-Guyot (André), Ilias Le Doré (Samir), Rabah Nait Oufella (Omar), Vincent Rottiers (Greg)

Kinostart: 18.05.2017

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren