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29.03.2017 - Kinotipp: Una und Ray

Provokant und ungemein intensiv: In seinem Kinodebüt „Una und Ray“ verfilmt der australische Regisseur Benedict Andrews das Theaterstück „Blackbird“ von David Harrower, das auf differenzierte Weise das Thema „Missbrauch“ behandelt.

15 Jahre nachdem sie sich als Teenager in eine sexuelle Affäre mit dem deutlich älteren Nachbarn Ray gestürzt hat, macht Una ihren ehemaligen Liebhaber ausfindig, der damals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Inzwischen hat er sich unter einem anderen Namen ein neues Leben aufgebaut und ist deshalb wenig begeistert, als die junge Frau eines Tages an seiner Arbeitsstelle auftaucht. Ray, der ein wichtiges Firmen-Meeting vor sich hat, will die ungebetene Besucherin so schnell wie möglich abwimmeln. Doch Una lässt nicht locker und treibt ihn zunehmend in die Enge.

Welche Absichten verfolgt die Protagonistin? Diese Frage stellt sich nicht nur Ray, sondern auch der Zuschauer. Schon in den ersten Minuten führen uns Andrews und Harrower, der sein eigenes Bühnenstück adaptieren durfte, vor Augen, dass Una ohne Halt, ein bisschen wie in Trance durch ihr Leben wandelt. Schneller Sex auf einem Disco-Klo scheint keine Seltenheit zu sein. Und noch immer wohnt sie in ihrem Elternhaus in einer sauber-aufgeräumten Siedlung. Dort, wo vor 15 Jahren die verbotene Liaison mit Ray ihren Anfang nahm. Die Vergangenheit hat Una offensichtlich noch immer fest im Griff.

Sind die Rollen zunächst klar verteilt, entblößt das Psychodrama über die Konfrontation der Titelfiguren eine höchst ambivalente Beziehung, die man nicht auf ein simples Opfer-Täter-Schema reduzieren kann. Immer wieder brechen Erinnerungsfragmente in das gegenwärtige Geschehen ein und deuten an, dass Una und Ray mehr als bloß körperliche Anziehung verbunden hat. Bezeichnend ist vor allem der Moment während des Gerichtsverfahrens, in dem das per Video in den Saal geschaltete Mädchen dem Angeklagten seine Liebe gesteht und mit Verzweiflung in den Augen wissen will, warum er sie verlassen hat. Eine Frage, die Una auch heute noch im Kopf herumschwirrt. Einerseits begegnet sie Ray mit Abscheu und hält ihm vor, ihr Leben zerstört zu haben. Andererseits blitzen in den aufwühlenden Diskussionen aber auch Zuneigung und Leidenschaft auf, was den Film zu einem schwer durchschaubaren Wechselbad der Gefühle macht. Hauptdarstellerin Rooney Mara überzeugt mit einer Mischung aus tiefer Verunsicherung und überraschender Angriffslust, während Spielpartner Ben Mendelsohn eindringlich im Spannungsfeld zwischen Verdrängung, Reue und Abgründigkeit agiert.

Sehenswert ist die thematisch kontroverse Theateradaption auch deshalb, weil sie von ihren ersten Einstellungen an durch bedächtige Kamerabewegungen und flirrende Klänge eine seltsam entrückte, unbehagliche Stimmung erzeugt. Loben muss man Benedict Andrews außerdem für die Entscheidung, einige Behauptungen und Ereignisse in einem Schwebezustand zu belassen, statt sie demonstrativ auszuformulieren. Besonders deutlich wird dies am Ende, wenn der Zuschauer mit einer beunruhigenden Ungewissheit zurückbleibt. 

Regisseur: Benedict Andrews

Darsteller: Rooney Mara (Una), Ben Mendelsohn (Ray), Ruby Stokes (Una als Teenager), Riz Ahmed (Scott), Natasha Little (Yvonne), Tara Fitzgerald (Andrea)

Kanada/Großbritannien/USA 2016, Länge: 94 Min.

Kinostart: 30.03.2017

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren