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16.03.2017 - Kinotipp: Die rote Schildkröte

Blauer Himmel, klares Wasser, ein einsamer Sandstrand auf einer Südseeinsel. Klingt traumhaft? Nicht für den Mann, der hier vor kurzem gestrandet ist. Wie Robinson Crusoe wurde er von riesigen Wellen unter lautem Getöse an Land gespült. Jetzt sitzt er dort fest. Und jeder seiner Versuche, mit einem selbstgebastelten Floß das Eiland wieder zu verlassen, scheitert. Beim dritten Mal entdeckt der Mann den Grund: Eine große rote Schildkröte. Als sie wenig später an Land gespült wird, kennt der Mann kein Halten mehr. In seiner Wut und Verzweiflung erschlägt er das prächtige Tier. Doch schnell packen ihn Schuldgefühle. Als der tote Körper sich in eine rothaarige Frau verwandelt, erhält der Mann eine zweite Chance.

Schweigsam haben sich schon die Figuren durch die preisgekrönten Kurzfilme von Michael Dudok de Wit bewegt. Und schweigsam bleiben sie auch in seinem ersten Langfilm. Nein, Dialoge braucht es nicht in diesem Animationsfilm, der durch seine schönen reduzierten Bilder und die ruhige Stimmung besticht und von ganz grundsätzlichen Dingen erzählt. Da geht es um nichts weniger als um Schuld und Vergebung, um das Aufwachsen und das Älterwerden, um den Kreislauf des Lebens. Bald gründet der Mann mit der geheimnisvollen Frau eine Familie, ein Sohn kommt zur Welt, eine Begegnung mit einer Schildkröte wiederholt sich (wenngleich dieses Mal in voller Unschuld). Und irgendwann wird der Sohn davon träumen, die Insel zu verlassen und die Welt zu entdecken.

Es stimmt durchaus, dass hier nicht sonderlich viel passiert. Der Film lädt vielmehr zum Beobachten ein und schafft durch seine Ruhe immer wieder Momente, die mit eigenen Gedanken gefüllt werden können. Das funktioniert natürlich nur, wenn man sich auf diese Erzählweise einlässt. Wer Filme aus dem japanischen Studio Ghibli mag, dürfte es jedenfalls leichter haben. Denn in diesen gibt es auch immer wieder Szenen, die allein von ihrer Stille und Poesie leben und durch diese erzählen. So wundert es auch nicht, dass der Anime-Regisseur Isao Takahata („Die letzten Glühwürmchen“, „Die Legende der Prinzessin Kaguya“) eine treibende Kraft hinter dem Film war und „Die rote Schildkröte“ schließlich vom Studio Ghibli koproduziert wurde. Das legendäre Logo übrigens wurde eigens dafür abgewandelt. Nun leuchtet es nicht mehr blau sondern rot.

Frankreich/Japan/Belgien 2016, 80 Min.
Regie: Michael Dudok de Wit

Altersempfehlung: ab 12 Jahre