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Son of Saul (tlw. OmU)

In der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ galt „Son of Saul“ bereits vorab als großer Oscar-Favorit und wurde bei der Verleihung im Februar 2016 schlussendlich auch mit dem begehrten Preis bedacht. Ein großer Erfolg für den Spielfilmdebütanten László Nemes, der den grausamen KZ-Alltag so eindringlich in Szene setzt wie selten zuvor.
Im Oktober 1944 muss der ungarische Auschwitz-Insasse Saul Ausländer als Mitglied des sogenannten Sonderkommandos zusammen mit anderen jüdischen Gefangenen die Vernichtungsmaschinerie der Nazis unterstützen. Die ausgewählten Häftlinge werden gezwungen, die Ermordung der Deportierten vorzubereiten, sie auszuplündern und ihre Leichen nach der Überführung aus den Gaskammern im Krematorium zu verbrennen. Bei seiner Arbeit entdeckt Saul eines Tages unter den Toten einen Jungen, den er vor einem Arzt als seinen Sohn ausgibt und um jeden Preis würdevoll bestatten will. Fortan macht er sich im Lager auf die Suche nach einem Rabbi, der ihm bei der Beisetzung behilflich sein kann. Ein lebensgefährliches Unterfangen, das Sauls Mitstreiter aus dem Sonderkommando missbilligen, da sie gerade jetzt einen Aufstand vorbereiten.

„Du hast die Lebenden für die Toten verraten“, bekommt der Protagonist an einer Stelle zu hören. Und doch ist es nichts anderes als der unbändige Wille, sich nicht aufzugeben, der aus seiner fast schon obsessiven Suche spricht. Verzweifelt ringt Saul um seine Menschlichkeit und hofft in einer aberwitzigen, vermeintlich unbedeutenden Geste moralische Erlösung zu finden. Das Bedürfnis nach Normalität bleibt selbst an einem Ort erhalten, der für den ultimativen Schrecken steht. Hauptdarsteller Géza Röhrig spielt den ungarischen Häftling als Getriebenen, der nur ein Ziel vor Augen hat und dafür bereit ist, alles zu riskieren. Von Anfang an ist es seine Perspektive, die den Blick des Zuschauers lenkt und leitet. Mithilfe einer unruhigen Handkamera, die sich entweder an den Rücken des Protagonisten heftet oder aber ihn frontal aus nächster Nähe zeigt. So, wie es für die Gefangenen kein Entrinnen aus dem Lager gibt, ist es dem Publikum unmöglich, aus Sauls direktem Erleben auszubrechen. Einen größeren Überblick, wie ihn andere Holocaust-Filme bieten, vermeidet Nemes konsequent und zwängt uns in ein Szenario, das sich nur in Ausschnitten erschließt. Leblose Körper und SS-Soldaten geraten gelegentlich ins Sichtfeld. Vieles verschwimmt jedoch in Unschärfe, was die Beklemmung nur noch steigert. Gemeinsam mit dem rastlosen Saul taumeln wir durch ein Labyrinth, dessen infernalischen Charakter der Regisseur vor allem über die Tonebene transportiert. Rüde Befehle, Beleidigungen, Getrampel und Getuschel sind ständig zu hören und lassen im Kopf des Betrachters ein eigenes Schreckensbild entstehen.

Nach seiner Weltpremiere im Mai 2015 in Cannes sorgte „Son of Saul“ für handfeste Diskussionen, da umgehend eine schon oft gestellte Frage im Raum stand: Kann bzw. darf man den entsetzlichen KZ-Alltag in Bilder kleiden und für einen Spielfilm aufbereiten? Die Antworten mögen unterschiedlich ausfallen. Fest steht allerdings, dass Nemes in seinem Debütwerk einen radikalen, in dieser Weise noch nicht gesehenen Ansatz wählt, um das Grauen der Nazi-Herrschaft zu vermitteln. Mit seiner Darstellung des Sonderkommandos führt uns der Film einen perfiden Auswuchs von Hitlers Tötungsmaschinerie vor Augen, bei dem hilflose Häftlinge in eine Mittäterrolle gezwängt wurden. Eine der vielen schrecklichen Wahrheiten über das barbarische NS-System.


Blu-ray-Bildformat:1080p
Sprachen: Ungarisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch/Englisch/Türkisch/Engl. f. Hörg.

DVD Extras: Audiokommentar

Blu-ray Extras: Audiokommentar, Entfallene Szenen, Interviews

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