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Alles andere zeigt die Zeit

Seit 1986 zieht es den Dokumentarfilmer Andreas Voigt und seinen Kameramann Sebastian Richter nach Leipzig, um dort die Lebensgeschichten und Schicksale von Menschen aufzuspüren und über nunmehr ein Vierteljahrhundert weiterzuverfolgen. So entstanden bis 1997 fünf Filme in der so genannten „Leipzig-Reihe“. Sie liefen auf vielen internationalen Festivals und wurden mehrfach ausgezeichnet. 2015, also 18 Jahre nach dem letzten Film aus dieser Reihe, suchte Andreas Voigt (wieder mit Sebastian Richter) drei seiner Protagonisten aus den früheren Arbeiten noch einmal auf und dokumentierte auf eine schonungslose wie aber auch respektvolle Art und Weise, was aus ihnen geworden ist.


Da ist zunächst Sven. Noch in der DDR diente er in der NVA, 1992 wird er das erste Mal arbeitslos, fängt verschiedene Ausbildungen an, arbeitet kurze Zeit als Wachmann, ist dann die meiste Zeit ohne Job. Alkohol- und Drogenprobleme kommen dazu, Gefängnisstrafen. Heute lebt der Hartz IV-Empfänger bei seinem hilfsbedürftigen, alten Vater und pflegt ihn. Mit den vielen Tattoos, die seinen Oberkörper schmücken, hat Sven – wie er selbst sagt – seine Erlebnisse verewigen lassen.


1990 steht die Punkerin Isabel das erste Mal vor der Kamera. Da wohnt sie in einem besetzten Haus und ist damit beschäftigt, ihren Alltag irgendwie zu meistern und sich in den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen zurechtzufinden. Heute lebt sie in Stuttgart als selbständige Insolvenzberaterin, fährt ein teures Auto, besitzt eine durchgestylte Wohnung, in der Gemütlichkeit keinen Platz hat. Sie ist eine „taffe“ Frau, die andern eine Stütze ist und gutes Geld verdient. Ihr strahlendes, etwas unsicheres Lächeln hat sie sich über all die Jahre erhalten.


Ebenfalls 1990 macht die Zeitungsreporterin und Redakteurin Renate ihre IM-Tätigkeit öffentlich. Erzählt, wie sie geworben und bei einem der Treffen von ihrem Führungsoffizier vergewaltigt wurde. 2001 nimmt sie sich das Leben, 2015 verlangt ihre Tochter Jenny Einsicht in die STASI-Akten ihrer Mutter, um sich über deren Verstrickungen wie auch über deren innere Kämpfe und Verletzungen Klarheit zu verschaffen.


Wie in „Große Weite Welt“ montiert Andreas Voigt auch in seinem sechsten Film der „Leipzig-Reihe“ heutige Aufnahmen mit jenen aus den früheren Produktionen. Hier kommen nun bereits drei Zeitebenen zueinander: die Jahre 1989/1990 mit Schwarz-Weiß-Bildern, dann 1996/97 und das Jahr 2015. In solch einer langen Zeitspanne am Leben von Menschen teilnehmen zu dürfen, ist an sich schon aufregend und spannend. Doch Andreas Voigt geht es um mehr als nur private Lebensgeschichten. Er zeigt Schicksale auf, die eng mit der gesellschaftlichen Entwicklung verbunden sind und durch den Zusammenbruch und Wandel eines Staates geprägt wurden. Auf jeglichen Autorenkommentar verzichtend gibt Voigt seinen Protagonisten einen großen Raum, um über ihre verpassten Chancen, Konflikte, ihre Erfolge und Enttäuschungen zu sprechen. Diese Erzählungen konfrontiert er mit zum Teil bedrückenden Bildern, die er in den Umbruchjahren in Leipzig aufgenommen hat und die die Folgen des gesellschaftlichen Wandels verdeutlichen. So erlangt auch sein neuester „Leipzig“-Film eine Dimension, die weit über bloße Geschichtsschreibung hinausgeht.

DVD Extras: Bonusfilm INVISIBLE - ILLEGAL IN EUROPA

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